reflections

Notfallplan

Also es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass ich esssüchtig bin. So viel legt man nicht aus reiner Freude über Geschmacksvielfalt und Genuss zu. In den letzten 9 Wochen hatte ich erstaunlich wenig damit zu kämpfen. Ich hatte zwischendurch Schwierigkeiten Maß zu halten, das ja. Ich habe über mich selbst gelernt, dass ich leckeres Essen schwer stehen lassen kann, nur weil ich satt bin. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Dann habe ich eben weniger gekocht. Übe mich im Kochen von 1 Portion. Regele mich quasi runter.
Was ich aber noch nicht hatte in den letzten Wochen ist das Suchtmonster, das mein Denken beherrscht und mir die Kontrolle aus der Hand reißen will.
Bis gestern.
Und das hat dann wirklich rein gar nichts mehr mit Genuss zu tun. Das ist eine selbstzerstörerische Kraft. Ich will mir schaden. Ich will mich bestrafen. Das sind Momente, in denen ich überfordert bin und mich schrecklich in meiner Haut fühle.
Ich weiß nicht, ob ich jetzt die richtigen Worte finde, um das zu beschreiben.
Es gibt Tage an denen ist unter Menschen sein ein Spießrutenlauf. Da kann ich nicht gut ausblenden, dass ich angestarrt werde und fühle mich verurteilt. Ich versuche, nicht aufzufallen. Ich will nicht im Fokus stehen, mir gelingt dann die Flucht nach vorn nicht. Das Kinn hoch nehmen und Selbstbewusstsein ausstrahlen geht einfach nicht. Ich will dann nur noch nach Hause, die Tür zu machen und Schutz im Alleinsein finden. Ich hab Angst vor fiesen Kommentaren, weil sie einfach immer verletzen, so sehr man auch versucht, sie an sich abprallen zu lassen. Oder versucht, sich einzureden, dass es einem egal sein kann, was andere von einem denken.
Aber ganz ehrlich? Ich halte den Spruch für Blödsinn. Wir sind Herdentiere. Und was in solchen Momenten ja passiert, ist dass einem quasi gesagt wird, dass man nicht zur Herde gehört. Und in dem Moment geht es an die Existenzangst. Ohne Schutz der Herde ist ein Tier im Ernstfall verloren.
Ich fühle mich dann wie ein Versager. Ich bin falsch, ich bin allein. Und ich bin selber schuld.
Und Essen ist Strafe. So bescheuert das von Außen klingen mag. So wenig nachvollziehbar das ist. Weil es so ein Teufelskreis ist. Ich wünschte, ich könnte es erklären. Aber ich kann es (noch?) nicht.
Ich realisiere nur, dass es so ist.
Gestern hat es mich das erste Mal eingeholt. Und ich musste den ganzen Weg von der Bahn nach Hause mit mir kämpfen. Der innere Drang, an meiner Haustür vorbei und direkt zum Supermarkt zu gehen und alles zu kaufen, was ich in den letzten Wochen nicht wollte und brauchte und dann in mich reinzustopfen war unglaublich mächtig.
Ich bin stark geblieben aber ich habe mich unfassbar süchtig und krank im Kopf gefühlt.
Mir war bewusst, dass es die Situation unter Menschen zu sein war. Also habe ich mit mir verhandelt. Geh heim. Zieh dir Einkuschel-wohlfühl-Klamotten an (quasi eine Hürde einbauen um "spontanem" impulsiven doch-noch-schnell-was-einkaufen entgegen zu wirken), mach dir einen Kaffee, setz dich an deinen Tisch und komm erstmal runter. Und wenn das Bedürfnis trotz Sicherheit nicht weg geht, dann können wir neu verhandeln, habe ich zu mir gesagt.
Meine Regeln haben mir auch geholfen, denke ich. Es ist nicht Einkaufstag. Der Supermarkt ist tabu, ging mir durch den Kopf.
Und ein Glück hat es funktioniert. Was aber, wenn es mal nicht funktioniert? Was, wenn der Spießrutenlauf zu schlimm war? Gestern hat mich niemand beleidigt oder angegriffen. Gestern war das alles nur in meinem Kopf und trotzdem hat es gereicht, das Monster fast von der Leine zu lassen.
Was, wenn ich keine Rückzugsmöglichkeit habe? Wenn ich nicht grade auf dem Heimweg bin?
Mein bester Freund kam gestern spontan auf die Idee eines Ohrwurms, um diesen Gedankenstrudel zu unterbrechen und dem auch Konter zu bieten.
Im ersten Moment dachte ich nur, was das für ein Blödsinn sein soll. Im zweiten Moment dachte ich, das ist so abstrus, das könnte glatt funktionieren. Musik liegt so nahe. Ich singe viel, Musik hilft mir immer. Musik hat so einen extremen Einfluss auf meine Stimmung.
Jetzt bin ich auf der Suche nach einem guten Theme-Song. Einem Lied, das die richtige Energie mitbringt, um mich zu stärken und wieder positiver zu fühlen.
Ich bin gespannt, ob es funktioniert.

17.5.13 09:52

Letzte Einträge: Woche 13, Nachträge, Oh, die Hormone, Vergesslichkeit, Himmel..., Woche XY

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